Gedichte Schönheit


Gedichte - Schönheit

Sammlung an Gedichten mit Bezug zum Thema Schönheit für Leserunden und Gedächtniseinheiten.


Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt, sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht, sich hineinzuschneuzen, -
er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet

Christian Morgenstern
 

 

 

Blauer Himmel, blaue Wogen,
Rebenhügel um den See,
drüber blauer Berge Bogen,
schimmern weiß im reinen Schnee.

Wie der Kahn uns hebt und wieget,
leichter Nebel steigt und fällt,
süßer Himmelsfriede lieget
über der beglänzten Welt.

Spiegelnd sich die Flur erwidern
Turm und Hügel, Busch und Stadt;
also spiegle du in Liedern,
was die Erde Schönstes hat.

Karl Josef Simrock
 

 

 

Ich schreite dahin.
Vor mir ist Schönheit.
Hinter mir ist Schönheit.
Über mir ist Schönheit.
Ringsum ist Schönheit.
Meine Worte werden voll Schönheit sein.
Ich werde ewig leben in Schönheit.
Der Schönheit des Alls.

Indianische Weisheit

 

 

 

Das Weib, deß Züge und Gestalt
Der Schönheit Weihe tragen,
Darf herzlos, lieblos sein und kalt,
Es wird d'rob keiner klagen;

Die Schönheit wiegt in Trug sie ein,
Daher die vielen Zecher,
Die blöde schlürfen sauern Wein,
Wenn golden nur der Becher!

Unbekannt

 

 

 

 

Die stumme Schöne

Als ich die junge Clitia
Schön, wie ein Tag im Frühling, sah,
Rief ich: welch reizendes Gesicht!
O schade! daß sie doch nicht spricht!

Sie sprach, und nun war ich ganz Ohr,
Kaum stammelt sie zwei Worte vor;
So rief ich: welch ein schön Gesicht!
Nur ewig schade! daß sie spricht.

Christian Felix Weiße
 

 

 

Tristan

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!

Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe,
Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen,
Zu genügen einem solchen Triebe:
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!

Ach, er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen
Und den Tod aus jeder Blume riechen:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!

August Graf von Platen Hallermund

 

 

 

 

Ein hübsches Lärvchen ist ein Schmuck, der bald vergeht,
Ein Röslein das nicht lang in voller Blüte steht,
Ein Reiz, der flüchtig an der äußern Haut nur klebt,
Indes ein schöner Geist die Zeiten überlebt.

Molière

 

 

Die kurze Schöne

Keine Schöne kann ich loben,
Deren Länge hoch von oben
Ihre stolzen Blicke zeigt.
Bäume, welche Früchte tragen,
Pflegen nicht so hoch zu ragen,
Als die leere Fichte steigt.

Du ergötzest mich, Asträe,
Wenn ich dir zur Seite stehe,
Du bist klein, und so, wie ich,
Dein Geliebter wird dich küssen,
Und zuvor nicht sagen müssen:
Meine Schöne, bücke dich!

Johann Elias Schlegel

 

 


Natur gab allem, was sie schuf,
Gehörig seine Waffen.
Sie hat das Pferd mit starkem Huf,
Gehörnt den Stier geschaffen.

Sie schuf den Hasen schnell genug,
Des Leu'n Gebiß geschlossen,
Sie gab dem Vogel raschen Flug,
Dem Fisch zum Schwimmen Flossen.

Sie gab den Männern Selbstvertrau'n
Und Klugheit, sich zu wehren;
Doch nichts behielt sie mehr den Frau'n
Als Waffe zu bescheren.

Da hat sie ihnen Reiz beschert
Statt Schilds und aller Waffen.
Leicht wird sich über Feu'r und Schwert
Sieg jede Schönheit schaffen.

Anakreon

 

 

 

 

Ein Krystall

Gleich einem reinen Bergkrystall
Durchschaut' ich dich,
Der lauter, klar, allüberall
Der Quelle glich,
Die aus dem Schoße der Unendlichkeit
Zu eignem Dasein sehnend sich befreit.

Da plötzlich fällt auf das Gestein
Ein Funke Licht;
Und farbenprächt'ger Widerschein
Sich leuchtend bricht,
Da sich geblendet fast mein Auge schließt
Vor jenem Zauberlicht, das sich ergießt.

Der Funke stirbt, und hell und rein,
Durchsichtig, klar,
Liegt vor mir wieder das Gestein.
Wie wunderbar.
Ob strahlend der Krystall mir lieber ist?
Weiß nicht; die Reinheit nie mein Herz vergißt.

Alma Leschivo

 

 

 

Fürchte dich nicht, sind die Astern auch alt,
streut der Sturm auch den welkenden Wald
in den Gleichmut des Sees -
die Schönheit wächst aus der engen Gestalt;
sie wurde reif, und mit milder Gewalt
zerbricht sie das alte Gefäß.

Sie kommt aus den Bäumen
in mich und in dich,
nicht um zu ruh'n;
der Sommer ward ihr zu feierlich.
Aus vollen Früchten flüchtet sie sich
und steigt aus betäubenden Träumen
arm ins tägliche Tun.

Rainer Maria Rilke

 

 

Der Taugenichts

Die ersten Veilchen waren schon
Erwacht im stillen Tal;
Ein Bettelpack stellt' seinen Thron
In's Feld zum ersten Mal.
Der Alte auf dem Rücken lag,
Das Weib, das wusch am See;
Bestaubt und unrein schmolz im Hag
Das letzte Häuflein Schnee.

Der Vollmond warf den Silberschein
Dem Bettler in die Hand,
Bestreut' der Frau mit Edelstein
Die Lumpen, die sie wand;
Ein linder West blies in die Glut
Von einem Dorngeflecht,
Drauf kocht' in Bettelmannes Hut
Ein sündengrauer Hecht.

Da kam der kleine Betteljung',
Vor Hunger schwach und matt,
Doch glühend in Begeisterung
Vom Streifen durch die Stadt,
Hielt eine Hyazinthe dar
In dunkelblauer Luft;
Dicht drängte sich der Kelchlein Schar,
Und selig war der Duft.

Der Vater rief: Wohl hast du mir
Viel Pfennige gebracht?
Der Knabe rief: O sehet hier
Der Blume Zauberpracht!
Ich schlich zum goldnen Gittertor,
So oft ich ging, zurück,
Bedacht nur, aus dem Wunderflor
Zu stehlen mir dies Glück!

O sehet nur, ich werde toll,
Die Glöcklein alle an!
Ihr Duft, so fremd und wundervoll,
Hat mir es angetan!
O schlaget nicht mich armen Wicht,
Laßt euren Stecken ruh'n!
Ich will ja nichts, mich hungert nicht,
Ich will's nicht wieder tun!

O wehe mir geschlagnem Tropf!
Brach nun der Alte aus,
Mein Kind kommt mit verrücktem Kopf,
Anstatt mit Brot nach Haus!
Du Taugenichts, du Tagedieb
Und deiner Eltern Schmach!
Und rüstig langt er Hieb auf Hieb
Dem armen Jungen nach.

Im Zorn fraß er den Hecht, noch eh'
Der gar gesotten war,
Schmiß weit die Gräte in den See
Und stülpt' den Filz auf's Haar.
Die Mutter schmält' mit sanftem Wort
Den mißgeratnen Sohn,
Der warf die Blume zitternd fort
Und hinkte still davon.

Es perlte seiner Tränen Fluß,
Er legte sich ins Gras
Und zog aus seinem wunden Fuß
Ein Stücklein scharfes Glas.
Der Gott der Taugenichtse rief
Der guten Nachtigall,
Daß sie dem Kind ein Liedchen pfiff
Zum Schlaf mit süßem Schall.

Gottfried Keller

 

 

 

Das Lied der Schönheit

Ich bin der Führer der Liebe,
Ich bin der Wein des Geistes,
Ich bin die Nahrung des Herzens.

Ich bin eine Rose;
Und öffne mein Herz, wenn der Tag anbricht;
ein Mädchen pflückt mich und küßt mich
und drückt mich an ihre Brust.
Ich bin die Wohnstatt des Glücks
Und die Quelle der Freude.
Ich bin der Anfang der Ruhe.

Ich bin ein sanftes Lächeln auf einer
Jungfrau Lippen;
Ein Jüngling erblickt mich, und seine Müh
ist vergessen, sein Leben wird
eine Bühne lieblicher Träume.

Ich bin die Vorstellungskraft eines Dichters
Und der Führer des Künstlers.
Ich bin der Lehrer des Komponisten
Und ich bin der Blick im Auge des Kindes,
Von einer Mutter zärtlich angeschaut.
Sie betet davor und rühmt Gott.

In der Gestalt der Eva trat ich einst vor Adam hin
Und machte ihn zum Sklaven.
Enthüllte mich dem Salomo im Bild seiner Geliebten;
so wurde er zum Dichter und Gelehrten.
Ich lächelte der Helena zu,
Und Troja ward zerstört.
Ich krönte auch Kleopatra, und Friede herrscht am Nil.

Ich bin wie das Schicksal;
Was ich heute baue,
Reiß ich morgen ein.
Ich bin wie Gott,
Ich gebe Leben und bereite Tod.

Ich bin leichter als der Seufzer eines Veilchens
Und mächtiger als der Sturm.
Ich bin eine Wahrheit, ihr Menschen, ja, eine Wahrheit.

Khalil Gibran

 

 

 

An die Schönheit

So sind wir deinen Wundern nachgegangen
wie Kinder die vom Sonnenleuchten trunken
ein Lächeln um den Mund voll süßem Bangen

und ganz im Strudel goldnen Lichts versunken
aus dämmergrauen Abendtoren liefen.
Fern ist im Rauch die große Stadt ertrunken

kühl schauernd steigt die Nacht aus braunen Tiefen.
Nun legen zitternd sie die heißen Wangen
an feuchte Blätter die von Dunkel triefen

und ihre Hände tasten voll Verlangen
auf zu dem letzten Sommertagsgefunkel
das hinter roten Wäldern hingegangen – –

ihr leises Weinen schwimmt und stirbt im Dunkel.

Prof. Dr. Ernst Maria Richard Stadler

 

 

 

Wisst es!

Wißt, mich betrübt die Schönheit, die ihr preist,
Ich schaue bitteres Menschenelend sprießen
Auf diesem Stern ... wie soll mein Geist
Dann seine hehre Schönheit rein genießen?

Wißt, mich betrübt die Schönheit, die ihr preist,
Denn durch des Wohllauts kunstgeformter Schöne
Klingt mir der Wehlaut, der mein Herz zerreißt,
Der Daseinsqual naturgewalt'ge Töne.

Ada Christen

 

 

 


Voll jener Süße, die, nicht auszudrücken

Voll jener Süße, die, nicht auszudrücken,
Vom schönen Angesicht mein Aug' empfangen,
Am Tag, wo lieber blind ich wär' gegangen
Um nimmer klein're Schönheit zu erblicken,

Ließ ich, was mir das Liebst'; und mit Entzücken,
Ist ganz in ihr des Geistes Blick umfangen,
Der, was nicht sie ist, wie aus einer langen
Gewohnheit haßt und ansieht mit dem Rücken.

In einem Tale, rings umher verschlossen,
Das meinen müden Seufzern Kühlung spendet,
Kam langsam, liebesinnend ich zur Stelle.
Da sah ich Frauen nicht, doch Fels und Quelle,
Und jenes Tages Bild, das unverdrossen
Mein Geist sich malt, wohin mein Blick sich wendet.

Karl August Foerster

 

 

 

Die Macht der Schönheit

Die Fabel und die Wahrheit zeugt,
Daß nichts an Macht der Schönheit gleicht.
Herr Adam, holder Reize wegen,
Verscherzte sich des Himmels Segen.
Herr Paris reizte Griechenland
Zur Wut; sein Troja ward verbrannt.
Ein unglücksel'ger Apfel brachte
Die Staupen her, eh' man es dachte.
O hätten beide sie erblickt,
Sie, die hier unsre Fluren schmückt:
Den Apfel hätte mit Begier
Genommen Adam gleich von ihr,
Und Paris würd' ihn ohn Bedenken
Dir, liebenswürd'ge Liebste, schenken.

Johann Martin Miller

 

 

 

Kammermusik

 

Der Apotheker, der Kaufmann, der Arzt und der Richter,
Es sind immer wieder dieselben Gesichter;
So eine Kleinstadt, es ist ein Graus,
Gott gebe, ich wäre schon wieder heraus.

Aber am Sonntag lädt der Herr Richter
›auf einen Löffel Suppe den Großstadtdichter‹,
Der Apotheker, der Kaufmann, der Arzt, die drei
Sind natürlich auch dabei.

Das Essen ist gut, da ist nichts zu sagen,
Ihr Minister des Innern ist eben der Magen,
Und der Wein nicht übel; nun ja, man spürt,
›Man‹ hat eben in der Hauptstadt studiert.

Dann spricht man und raucht; es geschieht auch zuweilen,
Daß Minuten ohne Gespräch enteilen.
Dann spricht man wieder und dann, auf Ehr,
Bringt die Hausfrau Notenständer her.

Und dann, da ich seufze: "Es ist nicht zu ändern!"
Sitzen die Alten schon vor ihren Ständern,
Ein jeder den Fidelbogen nimmt,
Zwei Geigen, Viola und Cello. – Es stimmt – .

Und sie spielen. Beethoven. Erst etwas befangen;
Dann steigen Flämmlein in ihre Wangen,
Und herrlich durch das Zimmer ziehn
Die unendlichen, mächtigen Melodien.

Ich sitze und lausche, aufs Tiefste erschüttert;
Mein Herz wird mild und die Seele erzittert.
Der Flügelschlag der Kunst durchrauscht
Die Luft, der fromm die Seele lauscht.

Mir wird, versunken im Anblick der Alten,
Als müßt' zum Gebet ich die Hände falten:
O Himmel, im Alter bewahre auch mir
Die Freude am Schönen, wie diesen hier!

Hugo Salus

 

 


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